Auf den Großvenediger

Tourenbericht (1998)
von Peter M. Faißt

Jeder, der vom Großvenediger zurückkam, schwärmte mir etwas vor. Die meisten Stammgäste meines schönen Quartiers in Hinterbichl erzählten bewegt von der Besteigung des 3.674 m hohen Berges und dem überwältigenden Gipfelerlebnis. Doch ich oller Berggeher hatte mich dem immer entzogen. Mehrfach schon war ich zum Defreggerhaus hinaufgestiegen, hatte am Einstieg auch schon einmal vorsichtig einen Fuß auf den Gletscher gesetzt - aber immer wieder erschien mir dieser Weg auf den berühmten Gipfel zu «einfach». Außerdem schreckten mich die vielen, langen Karawanen ab, die immer dann vom Berg zurückkamen, wenn ich gerade das Defreggerhaus erreicht hatte. Also wiegelte ich alle Überzeugungsversuche jahrelang mit dem lapidaren Satz ab: «Den Großvenediger schenke ich mir zum 50. Geburtstag, dann geht das immer noch!»

Eines schönen Sommers jedoch fühlte ich mich plötzlich verpflichtet, diese Bergfahrt verfrüht anzugehen, da zwei Arbeitskollegen und Freunde nach diesem Erlebnis hungerten. In einer schwachen Stunde muss ich das den beiden wohl versprochen haben. Dank über Jahre gewachsener guter Verbindungen waren Taxi, Hüttenplatz und Bergführer rasch gebucht.

An einem leicht verhangenen Mittwochnachmittag schaukeln wir mit Friedl Kratzer im Hüttentaxi nach oben. Voll und stickig ist's im Taxi, das bis an die Grenze der Belastbarkeit beladen ist. Die meisten schweigen und versuchen, durch die Scheiben einen Blick auf die Umgebung zu genießen. Nur Kollege Dietrich gibt sich dieser angenehmen Ruhe nicht hin, sondern liest im Zehnsekundenabstand die Zahlen von seinem nagelneuen, elektronischen Höhenmesser ab. Ob man nicht einen ganz großen vorn über der Frontscheibe anbringen könne, damit jeder gleich sieht, wie hoch ... «Ich merke auch so, wenn ich an der Johannishütte bin!» bremse ich ihn schnell. Dietrich schweigt.

Nach einer guten halben Stunde Bandscheibenstrapaze quillt die Bergsteigerschar wenige Meter vor der Johannishütte aus dem Auto und gesellt sich zu anderen, die bereits warten. Einer der Venediger Bergführer liest von einem abgegriffenen Zettel Namen ab, schließlich muss er prüfen, ob seine Schäfchen auch alle angekommen sind. Mit aufgekratztem Geplapper stiefelt die auf mehr als 20 Personen angewachsene Schar über die ersten der etwa 800 Höhenmeter bis zum Defreggerhaus. Aber schon nach wenigen Minuten wird es stiller. Obwohl der leichtfüßig voranschreitende Bergführer sich offensichtlich Mühe gibt, das Tempo im Rahmen zu halten, will sich wohl keiner etwas vergeben - die Gruppe geht einen Tick zu schnell. Nach und nach fällt der Konvoi weiter auseinander. Auch ich ziehe mich ans Ende zurück, es hetzt mich ja nichts. Nach knapp zweieinhalb Stunden findet die Gruppe vor dem Defreggerhaus wieder zusammen. Schnaufend.

Doch zum Ausruhen bleibt keine Zeit, denn Schönwetter ist angesagt, und die Hütte wird bald überfüllt sein. Zwischen den überall herumstehenden Rucksäcken, neben denen Bergsteiger warten, schwirrt hektisch das Hüttenpersonal herum, um die Quartiere zuzuteilen. Da wir vorab reserviert haben, versuchen wir uns in stoischer Gelassenheit - was aber nicht verhindert, dass ich mir beim Rückzug in einen weniger belebten Teil des Ganges fürchterlich den Kopf an einem tiefliegenden Balken stoße. Urplötzlich stehen wir dann in einer engen Kammer, und kaum liegt unser ganzer Kram locker verteilt auf den schmalen und viel zu kurzen Betten, streben meine beiden Begleiter auch schon dem Abendessen zu. Ich schließe die Tür ab, husche hinterher, ziehe an der bewussten Stelle vorsichtig den Kopf ein, merke mir noch schnell den Weg zur Toilette, wissend, dass es nachts sehr dunkel auf Hüttenfluren sein kann - und finde mich dann in der überfüllten und stickigen Gaststube ein.


Gedränge an der Bierausgabe
Vor das Weißbier hat der
Herrgott das Schlangestehen
gesetzt...

Freund Gerhard wird erst einmal an die Getränkeausgabe gestellt. Während dort die lange Schlange abgearbeitet wird, suchen Dietrich und ich nach dem jungen Paar, das mit uns aufgestiegen ist. Mit Müh' und Not findet sich eine Tischecke mit knappem Platz für drei Personen. Nach ein wenig Hin- und Hergerücke sitzt dann tatsächlich unsere Fünfergruppe beisammen. Gerhard nähert sich mit Biergläsern im Arm. Endlich scheint ein wenig Ruhe einzukehren.

Aber die Bestellung des Abendbrots sorgt sofort wieder für Durcheinander. Die Bedienung fegt emsig zwischen den eng zusammenstehenden Tischen umher, und als sie sich zufällig unserem Platz nähert, winke ich und nehme unbesehen das Gericht, das sie gerade auf dem Tablett durch die Gegend trägt. «Hauptsache, Kalorien!» denke ich und stopfe Kartoffeln, Speck und Kraut in mich hinein. Mit einem Bier rutscht alles noch besser.


Die anderen beiden wählen den umständlichen Weg. Gerhard weiß nicht, was er bestellen soll, und Dietrich hat beschlossen, vor seinem Abendbrot noch ein wenig an die frische Luft zu gehen. Als Gerhard dann endlich doch noch zu seinem Abendessen kommt, stürmt Dietrich von draußen herein. Lautstark beschreibt er die großartige Landschaft - und wird erst leiser, als er feststellt, dass die Speisenauswahl mittlerweile deutlich reduziert ist. Aber auch er muss an diesem Abend nicht hungern, irgendetwas bekommt er dann doch noch.

Nachdem alle gegessen und mit einem Obstler nachgespült haben, bin ich froh, das hektische und plappernde Volk erst einmal verlassen zu können. Entspannt genieße ich vor der Hütte das Einbrechen der Nacht.

Nur kurz halten wir uns dann noch in der Gaststube auf. Dietrich schreibt einen denkwürdigen Eintrag in das ausliegende Gästebuch, irgendwie beglückt uns auch noch eine Runde Obstler. Dann ziehen wir uns in die Kammer zurück, gerade noch rechtzeitig, um dem Massenansturm auf Waschraum und Toilette zu entgehen.

Ich schlafe schlecht in dieser Nacht. Ein Kollege schnarcht sich durch mehrere Hektar Wald, und lange Zeit knarrt der Flur unter dem Getrappel der vielen Hüttengäste. Das Bett ist für meine fast zwei Meter Körpergröße natürlich zu kurz, aber wenigstens ist es nicht zu kalt, obwohl das Fenster sperrangelweit offen steht. Nach mehreren Stunden unbefriedigenden Halbschlafes reicht es mir. Ich stehe gegen halb fünf Uhr auf und schleiche mich vorsichtig in den Waschraum, wo ich ein paar Gestalten treffe, die genauso übernächtigt aussehen wie ich. Meine Freunde sind schnell geweckt und steigen auch ohne Murren aus dem Bett. Schon stehen wir an der Frühstücksausgabe, und obwohl an diesem Morgen die Hütte immer noch überfüllt sein muss, ist es jetzt deutlich weniger hektisch als am Abend vorher. Trotzdem muss ich mir Mühe geben, das Frühstück zu verzehren, irgendetwas ist mir auf den Magen geschlagen, und ich fühle mich ziemlich elend. Aber kaum habe ich meine Siebensachen wieder gepackt, schweres und überflüssiges Zeug aus dem Rucksack gezerrt und im Vorraum verstaut, steht unsere komplette Seilschaft schon vor der Hütte erwartungsvoll in der Kälte.

Letzte Sonnenstrahlen...

Die Nacht bricht herein
Abendstimmung vor dem Defreggerhaus


Gurtgewurschtl
Übung macht den Meister: nicht jeder beherrscht sofort das Gurtgewurschtel

Bergführer Erwin lässt uns das Gurtzeug anziehen, schultert das Seil, dann geht's erst einmal ein paar Dutzend Meter bis zum Gletschereinstieg hinauf. Nun müssen wir uns anseilen. Der Bergführer teilt uns ein und gibt uns ein paar Hinweise für die Gletscherbegehung. Ich soll direkt hinter ihm gehen. Als er mir sagt, dass ich ihn sichern müsse, falls er in eine Spalte einbreche, weiß ich nicht, ob ich das für einen Vertrauensvorschuss halten oder eher mit gemischten Gefühlen aufnehmen soll. «Nur schön das Seil straff halten», sagt Erwin - und dann stehen wir nach einem kurzen Abklettern auch schon auf dem Gletscher.

So früh am Morgen ist der Weg noch leicht zu gehen. Der Schnee ist gefroren und knirscht unter jedem Schritt. Aber es ist richtiger Schnee. Nur an ganz wenigen Stellen tritt blankes Eis zutage. Die ersten paarhundert Meter auf dem Rainer Kees erweisen sich als relativ gemütlich, es geht nur ganz sanft bergan, so dass man allmählich warm werden kann. Bald zeigen sich die ersten Spalten. Die kleineren fallen nur durch eine dunkle Färbung des darüber liegenden Schnees auf, größere treten deutlich als dunkle Schluchten zutage. Gelegentlich hält der Bergführer inne, prüft den Untergrund, und ich ahne, dass wir mehr als einmal Spalten überschritten haben, ohne es gewusst zu haben.


Unterhalb des Rainer Horn
Seilschaften unterhalb des Rainer Horns.

Dann bleibt Erwin stehen - alle anderen natürlich auch. Vor uns gähnt der dunkle Abgrund einer etwa 80 Zentimeter breiten Spalte. «Seil straffen!», ruft Erwin, und hat das Hindernis im Nu mit einem leichten Sprung überwunden. Er geht ein Stück weiter, stets das Seil zu mir hin straffend. Ich stehe direkt am Rand, schaue gar nicht weiter in die Tiefe, setze meine Stöcke auf der anderen Seite fest auf und springe. Plötzlich bremst mich unsanft etwas von hinten! Mein Seilnachfolger hat die Anweisung «Straffen» wohl etwas zu penibel ausgelegt. Meine Stöcke rutschen seitlich weg - und ich hänge wie ein plattgetretener Schmetterling halb über, halb in der Spalte. Mein linker Fuß liegt mit der Spitze noch auf, beide Hände krallen sich in den gefrorenen Schnee, das rechte Bein pendelt unten irgendwo in der Luft. Von der Schulter saust die Videokamera herunter und schlägt mir vorn heftig gegen edle Teile. «Mist, verflixter!» Ich merke aber sofort, dass nichts passieren kann, denn schon zieht Erwin nach vorne. Ich drücke ein wenig mit beiden Armen nach und stehe auf. Leicht erbost drehe ich mich nach hinten um und will losschimpfen, doch der Bergführer kommt mir ganz ruhig zuvor: «Straff halten, aber nicht bremsen!». Ich bin immer noch ein wenig sauer, aber nachdem mein Seilnachfolger zu mir aufgeschlossen hat, sehe ich sein erschrockenes Gesicht und den Ausdruck des Bedauerns darin - und ich muss einfach lachen. Alle anderen überwinden diese Stelle problemlos - und weiter geht's.


Bergführer Erwin
Immer locker und easy: Bergführer Erwin

Es wird nun ein wenig anstrengender - die Steigung nimmt zu. Trotzdem legen wir alle ein passables Tempo vor und überholen einige Seilschaften, die vor uns am Defreggerhaus aufgebrochen sind. Aber irgendwie müssen mir das Essen und die Hektik doch auf den Magen geschlagen sein, denn nach etwa einer Stunde plagen mich Bauchkrämpfe, und in meinem Inneren rumort es unangenehm. Wer sich vor Augen hält, dass in 3.000m Höhe nur noch etwa zwei Drittel des Luftdrucks auf Meereshöhe herrschen und wer die physikalischen Gesetzmäßigkeiten bezüglich Innen- und Außendruck kennt, weiß vielleicht, welche quälenden Phänomene ich hier beschreibe...

Egal - es muss weitergehen. Ich bitte zweimal um eine kurze Pause, aber dann stapfen wir kontinuierlich nach oben. Der Weg wird «schlechter», denn die aufsteigende Sonne blickt jetzt immer öfter durch die Wolkenfetzen und weicht den Schnee auf. Immer öfter quietscht es unter den Schuhen, allerdings kommen wir auch immer höher und gehen so dem Tauwetter voran. Nach dem Rainer Törl fällt plötzlich ein unangenehm eisiger Wind über uns her, und ich muss die Kapuze überstreifen. Wie angenehm sind jetzt die winddichte Jacke und die dicken Handschuhe! Zwar hat das anstrengende Gehen mich innerlich durch und durch aufgeheizt, aber im Gesicht wird es nun doch beißend kalt. Wir machen eine kurze Rast zum Verschnaufen, dann überwinden wir das letzte, sehr steile Stück vor dem Gipfel.


So langsam macht sich bei mir die Höhe bemerkbar, aber ich glaube, nicht nur ich schnaufe hier wie eine altersschwache Dampflok. Die Wolkendecke reißt jetzt immer weiter auf. Jeder von uns möchte auf dem Gipfel sein, bevor sich das Grau wieder vor die Sonne schiebt. Wir sind fast oben, da steht der Seilschaft eine kleine Mutprobe bevor. Den Gipfel erreicht man über einen kurzen Grat, neben dem beidseitig der Abgrund gähnt. In diesem Jahr sei der Grat sehr schmal, meint Erwin. Und weist noch schnell darauf hin, dass bei einem eventuellen Sturz der Hintermann «nur auf die andere Seite springen» müsse. Ich denke nicht lange über diesen erfrischenden Ratschlag nach, sondern folge dem Bergführer und bemühe mich, auf dem kurzen Stück wenigstens ein paar flüchtige Blicke in den Abgrund zu werfen. Es geht schon deftig hinab, aber mir macht das nichts aus. Leider bleibt wenig Zeit zum Herumgucken, denn meine Aufmerksamkeit gilt dem äußerst schmalen Weg. Und ehe ich es mich versehe, stehe ich schon neben dem Gipfelkreuz.

«Auf keinen Fall aus dem Seil klinken!» ermahnt uns der Bergführer und gibt sich Mühe, die Gruppe so anzuordnen, dass möglichst wenig Durcheinander in das Seil kommt. Natürlich ist es recht voll auf dem Gipfel. Wie auf Bestellung reißen die Wolken jetzt auf und geben das beeindruckende Panorama frei - wenigstens in großen Teilen. Wir klopfen uns gegenseitig auf die Schultern, lachen, schnaufen und freuen uns. Erwin sammelt die Fotoapparate ein, springt behände ein paar Schritte auf dem Schneefeld nach unten und schießt in schneller Folge ein paar Gipfelfotos.

Gipfelgrat
Gedränge auf dem Gipfelgrat.


Noch ein paar Genussblicke ringsumher, ein gemeinsamer Gipfelschnaps aus irgendeiner mit hinaufgetragenen Flasche - dann heißt es schon wieder Abschied nehmen. Vor dem Gipfelgrat warten schon die anderen Seilschaften, die wir während des Aufstiegs überholt haben. Erwin klinkt sich wieder ans Seil, und wenige Minuten später stehen wir auf der weiten Gletscherfläche vor dem Gipfelgrat und machen eine etwas längere Rast.

Jetzt ist Zeit für eine kleine Stärkung und ein paar Gespräche. Jeder schießt seine Fotos und genießt noch einmal das überwältigende Panorama. Nach Süden hin folgt Bergkette auf Bergkette, und irgendwo hinten im Dunst müssen die Alpen zuende sein, muss irgendwo das Mittelmeer liegen. Ich schalte ein wenig ab, die Fachsimpelei der anderen dringt nicht mehr an mein Ohr. Ich will einfach nur genießen, will den Lohn für die letzten zweieinhalb Stunden Anstrengung. Den Großglockner erkenne ich, auch den massiven Bergstock des Dachsteins. Berge, die vom Tal aus als unbezwingbare Riesen erscheinen, liegen nun unter mir und wirken harmlos. Nichts mehr über mir - unbeschreiblich! Ich lasse meinen Blick ganz langsam von links nach rechts über den Horizont gleiten und sehe nun ganz deutlich, wie die Welt nach allen Seiten hin abzufallen scheint. Mag es Sinnestäuschung oder Einbildung sein, aber ich habe wirklich den Eindruck, auf einer riesengroßen Kugel zu stehen.

Der schneidende Wind lässt keine Gemütlichkeit aufkommen, außerdem finden sich jetzt immer mehr Seilschaften an diesem Platz ein. Erwin fachsimpelt mit Bergführerkollegen, und als wir dann aufbrechen, teilt er uns mit, dass wir eine neue Spur treten, weil unser Aufstiegsweg wegen der Wärme und der Sonne inzwischen zu sulzig geworden ist, und dort auch den Schneebrücken über die Gletscherspalten nicht mehr zu trauen ist. Wir stapfen los. Es ist deutlich wärmer geworden, und wir treten bei jedem Schritt recht tief in den unberührten Schnee ein. Mit der Wärme kommt die Nässe, und ich bin froh, dass die Gamaschen das Eindringen von Feuchtigkeit verhindern.

Vorn geht Erwin äußerst konzentriert, ändert gelegentlich scheinbar unmotiviert die Richtung, und ab und zu meine ich auch, etwas dunklere Stellen im Schnee als Gletscherspalten zu identifizieren. «Diese Spalten sehen doch recht harmlos aus», sagt Erwin, «aber oft hat es unter diesen schmalen Spalten tiefe Höhlen, in die ganze Kirchen 'reinpassen! Aber keine Angst, ich bin ja nicht zum ersten Mal hier oben!» Wir halten uns während der ganzen Zeit relativ hoch und streben mehr dem Rainer Horn zu, um den Gletscher möglichst weit oben zu überwinden. Mehrfach bleibt unser Bergführer stehen, stößt prüfend den Teleskopstock in den Schnee und lässt uns dann auch gelegentlich einen sehr großen Schritt machen. Einmal halten wir vor einer sehr schmalen Schneebrücke, die wenig Vertrauen weckt; links und rechts geht es zwar schmal, aber offensichtlich sehr tief ins Dunkel hinab. Für einen Sprung ist die Spalte aber zu breit, zumal der Schnee an beiden Seiten deutlich überhängt. Ich straffe das Seil, und Erwin passiert die Brücke. Kein Problem!

Nach dem doch recht anstrengenden weglosen Abstieg treffen wir auf die Stelle, wo wir am Morgen unsere Tour begonnen haben. Noch ein paar Schritte auf dem flachen Gletscher, ein kurzer Anstieg zu der schmalen Scharte oberhalb des Defreggerhauses - dann ist unser Venedigerabenteuer zuende.

In der Hütte sitzen wir dann eine Weile gemütlich beisammen, bekommen den Venedigerstempel ins Tourenbuch oder auf die Wanderkarte, spendieren uns noch gegenseitig einen oder zwei Obstler und schwärmen uns schon mal ein bisschen von den Eindrücken vor. Aber irgendwie befinde ich mich noch wie in einem Traum: Das meiste, was ich gesehen habe, wird erst am Abend wieder vor meinen Augen stehen. Unten warten ja die anderen Hausgäste, und wir werden sicherlich mehr als einmal erzählen müssen. Noch sind es ja über 1.600 Höhenmeter bis ins Tal hinunter, aber den anstrengenden Abstieg spüre ich kaum. Ich schenke dem Weg gerade soviel Aufmerksamkeit, wie nötig ist, und hänge beim lockeren Hinunterstapfen schweigend und intensiv meinen Erlebnissen nach. Ich bin froh, dass ich endlich oben war und begreife überhaupt nicht, warum ich mir dieses Vergnügen so lange vorenthalten habe.

 

Geschafft!
Bergführer Erwin und der Autor vor dem Gipfelkreuz.
(Foto: D. Schebesta)


 
Bild
Tourenberichte

Weitere Infos